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Recherchefragen - Investigativ In diesem Forum geht es um die journalistische Recherche. Recherchefragen Informationen, Kooperationspartner, alle Themen zur Recherche.

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Alt 03.11.2001, 11:43   #1
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Beiträge: n/a
Standard Drogen und Krieg - eine Geschichte

Autor: Widmar Puhl SÜDWESTRUNDFUNK SWR 2
Redaktion: Alfred Marquart Unterhaltung
Regie: ...




Die Drogengesellschaft – Von der Gier zur alltäglichen Sucht
Reihe: Drogen-Kriege (1)
________________________________________________

Kostenträger: 1000123
Produktion: Tag..., Datum, Uhrzeit, Studio Nr... (Ort)
Sendung: Tag..., Datum, Uhrzeit
SWR 2 Unterhaltung

Besetzung: Sprecher ...

Zitator ...



Musik: (Coca-Cola-Werbespot- Archiv!)
Sprecher: Kein Getränk hat jemals einen solchen Siegeszug um die Welt angetreten wie Coca-Cola. Doch anders als die Werbung sagen uns Lebensmittelchemiker, warum. Was ist drin in der Wunderlimonade, daß Menschen der verschieden-sten Geschmackstraditionen dermaßen darauf abfahren? – Jede Menge Kof-fein und Zucker, und dazu ein ganz bestimmter Aroma-Mix. Den unverwechselbaren Geschmack schaffen unter anderem Extrakte, Destillate und Öle von Zitrusfrüchten, Zimt, Kakao, Mate, Ingwer, Koriander, Holunder, Muskat, Mimosenbaumrinde, Kalmuswurzeln, Gewürznelken und Vanillin. Das klingt sehr nach Weihnachtsbäckerei, und in der Tat: Die gemeinsame Grund-lage der Beliebtheit sind ganz spezielle exotische Gewürze.
Die Lust der Menschen auf Gewürze, ja eine regelrechte Gier danach, kennen wir seit dem Mittelalter. Und sie besteht bis heute. Udo Pollmer, wissenschaftli-cher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswis-senschaften in Germersheim, hat eine überraschende Erklärung dafür:

Pollmer 1: Wie kann sich sowas über 1000 Jahre halten? Ist das 'ne Mode, hängt das mit dem Gaumenkitzel zusammen? Da kann man sich seinen Gaumen auch mit anderen Produkten kitzeln, die es hier gibt. Der Grund ist relativ einfach. Wir haben in diesen exotischen Gewürzen Drogen drin. Schlichtweg drogenwirk-same Stoffe. (0´15)

Sprecher: Der Lebensmittelchemiker Pollmer gilt seit der Veröffentlichung seines Buches „Prost Mahlzeit! - Krank durch gesunde Ernährung“ als Querdenker. Denn er interessiert sich weniger für Kalorien, Eiweiß oder Fett im Essen, sondern mehr für die biologische Wirkung chemischer Substanzen im Körper. Dazu gehören auch Verwandte der Droge Morphium, die Endorphine heißen, wenn sie der Körper selbst bildet, und Exorphine, wenn sie aus der Nahrung stammen. Wir erinnern uns an die Cola-Zutaten: Kaffee und Zucker, Zimt, Kakao, Mate, Ing-wer, Koriander, Holunder, Muskat, Mimosenbaumrinde, Kalmuswurzeln, Ge-würznelken und Vanillin enthalten allesamt solche drogenwirksamen Stoffe. Dr. Marion Raitzig, als Ärztin am Klinikum Wahrendorf bei Hannover zuständig für Suchttherapie und Entzug, ordnet Drogen nach ihrer Wirkungsweise:

Raitzig 1: Na ja, die Drogen kann man im Prinzip grob in drei Bereiche einteilen. Nehmen wir mal den Bereich Alkohol als einen Bereich. Dann eher so die sedierenden Medikamente und Drogen, wie z.B. Benzodiazepine, also Tabletten, die häufig vom Hausarzt verschrieben werden, und auch Heroin gehört eher in diese Gruppe. Cannabis auch eigentlich eher in diese sedierende Gruppe. Und dann gibt es die große Gruppe der stimulierenden Substanzen, wie Kokain und Am-phetamine. (0´30)

Sprecher: Die Ärztin muß mit einem Drogenbegriff arbeiten, der sich am Betäubungs-mittelgesetz orientiert und zunächst nur fragt, ob etwas legal oder illegal ist. Mißbrauch liegt in diesem Sinne dann vor, wenn Konsumenten gesundheitli-che Schäden in Kauf nehmen, weil sie körperlich oder psychisch von Drogen abhängig sind. Abhängigkeit wiederum wird definiert als Gewöhnung, die dazu führt, daß man immer mehr von einem Stoff braucht, um die gleiche Wirkung wie zu Anfang des Konsums zu erzielen, und die beim Absetzen des Sucht-mittels die berüchtigten Entzugserscheinungen hervorruft. Lebensmittelchemi-ker wie Pollmer bezweifeln dermaßen schematische Begriffe von Drogen und Sucht. Sie begründen eine Abhängigkeit von Genußmitteln chemisch. Zucker zum Beispiel hebt nach ihrer Meinung die Stimmung, beruhigt und macht ab-hängig, weil er in den Serotonin-Stoffwechsel eingreift. Noch einmal Marion Raitzig:

Raitzig 2: Ganz viele Eiweiße und andere Neurotransmitter sind dafür zuständig, daß wir uns wohlfühlen, daß wir glücklich sind. Ein Botenstoff ist sicherlich auch das Serotonin, was in der Depression als Mangel entdeckt worden ist und sozusa-gen versucht worden ist, mit Medikamenten wieder auszugleichen. Es gibt ganz, ganz viele Stoffe, die in ihrem Zusammenspiel dafür zuständig sind, daß wir glücklich sind und daß wir uns wohlfühlen. (0´26)

Sprecher: Wenn wir Zucker essen, produzieren wir das Hormon Insulin, und Insulin sorgt dafür, daß im Gehirn der Botenstoff Serotonin entsteht, der Wohlbefinden aus-löst. Sonnenschein, so haben die Wissenschaftler herausgefunden, unterbin-det ebenso wie Koffein aus Kaffee oder Tee den Abbau des Serotonins. Einen direkten Serotonin-Verwandten enthält auch die Kakaobohne. Deshalb neigen wir in der dunklen Vorweihnachtszeit besonders zum Naschen - oder zur Win-terdepression. Alkohol bremst diesen Serotonin-Abbau ebenfalls. Für die Ärztin Raitzig ist Sucht aber auch Zivilisationskrankheit:

Raizig 3: Nicht, daß es Zucker gibt, löst so etwas wie Gier nach Zucker aus, sondern daß Zucker etwas mit unseren Emotionen, mit unseren Empfindungen macht, was letztendlich im Gehirn irgendwo eingraviert ist in Form von Erinnerung - und damit auch ein gewisses Verlangen nach diesen schönen Erinnerungen und Neuinszenierungen, dieser Zustände führt. (0´22)

Sprecher: Machen wir noch ein bißchen weiter mit der Drogen-Chemie. Der Hopfen-Inhaltsstoff Hopein ist ein Morphin. Solche Stoffe nehmen wir schon mit der Muttermilch auf und gewöhnen uns daran. Seit 1979 ist bekannt, daß im Baby-darm aus dem Milcheiweiß sogenannte Exorphine freigesetzt werden, die ganz ähnlich wirken wie Schlafmohn, und sie sind ihm auch chemisch verwandt. Sie lindern Schmerzen, beruhigen und helfen, Streß zu bewältigen. Milch, Kakao und Zucker kombiniert in Schokolade wurden also nicht umsonst zum wichtig-sten Kompakt-Seelentröster des 20. Jahrhunderts. Besonders interessant ist der Wirkstoff Myristicin, eng verwandt mit dem Meskalin, einer Droge aus dem mexikanischen Peyotl-Kaktus, deren starke Halluzinationen die Azteken für re-ligiöse Rituale benutzt haben. Und dieses Myristicin ist der Hauptwirkstoff in Gewürzen wie der Muskatnuß. Udo Pollmer beschreibt, was passiert, wenn man beispielsweise eine Cola trinkt, die ja ziemlich viel davon enthält:

Pollmer 2: In der Muskatnuß z. B. da finden sie eine Substanz, die sich in der Leber des Menschen in Meskalin umwandelt. In so etwas ähnliches umwandelt wie Mes-kalin. Das ist ein Amphetamin. Und das ist der Grund, warum die Gewürze so begehrt gewesen sind. Weil eben in diesen Gewürzen aus dem Süden, nicht in unseren, da haben wir das kaum drin, aber in der Muskatnuß, im Pfeffer usw. Es ist allerdings so, daß das kaum untersucht wird. Würde man das intensiver untersuchen, dann könnte man diese Gewürze bei uns nicht mehr kaufen, weil sie dann unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würden und ähnlich behan-delt werden müßten wie Haschisch oder andere Drogen. (0´31)

Sprecher: Bei Verletzungen, Streß oder Hochleistungssport produziert der Körper Endor-phine. Das sind chemische Verwandte des Morphiums, die zum Beispiel bei Schock Schmerzen unterdrücken, Angst ausblenden und die Gehirnleistung steigern. Sie betäuben auch die Ermüdung des Dauerläufers oder des „Wor-coholic“ am Schreibtisch durch Euphorie. So kann auch Essen ähnliche Folgen wie Sport haben. Denn Endorphine spielen eine wichtige Rolle bei der Wirkung von Stoffen wie dem Piperin aus Pfeffer oder Capsaicin aus Chili. Pollmer:

Pollmer 3: Das ist ein Schmerzempfinden, diese Schärfe. Dieses Schmerzempfinden löst, wenn man es eben häufiger macht, die Bildung von Opiaten im Körper aus, von Endorphinen, die dann nicht nur schmerzstillend wirken, weshalb es man-che Leute es dann auch in großen Mengen verzehren können. Wo man immer sagt: um Gottes Willen! Wie schaffen die das? Und diese schmerzstillenden Opiate bewirken aber darüber hinaus 'ne Stimmungsaufhellung. Und das ist der Grund, warum manche Menschen (in unseren Breiten) sehr gerne sehr viel scharfes essen. (0´23)

Sprecher: Der Verzehr von scharfen Gewürzen ruft ein Schmerzempfinden hervor, und dieses Schmerzgefühl wiederum setzt zum Ausgleich Endorphine frei. Daß es deswegen zu einen enormen Appetit auf Chilipfeffer kommen kann, kann die Ärztin weder bestätigen noch widerlegen:

Raitzig 4: Ich kenne sowas ähnliches aus der Akupunktur, wo auch ein kleiner Schmerz-reiz auf der Haut Endorphine auslösen soll oder die endogene Produktion wie-der anregen soll. Warum nicht auch über andere Sinnesorgane wie das Auge, den Geschmack, das Gehör? Kann ich mir gut vorstellen, aber ich kenne keine Ergebnisse, die das wissenschaftlich belegen. (0´25)

Sprecher: Wäre es nicht medizinisch legitim, den Drogenbegriff zu erweitern auf Ge-nußmittel, die Auswirkungen auf die Körperchemie haben, die denen der Opiate oder der verbotenen Aufputschmittel ähneln und die auch bis hin zur Abhängigkeit führen können? Könnte man Süßigkeiten oder Milch, Cola, Tee und Kaffee auch als "Suchtmittel" begreifen, die zumindest eine Art von „Fut-terprägung“ bewirken und gesundheitliche Folgeschäden nach sich ziehen können? Die Sucht-Ärztin Raitzig meint:

Raitzig 5: In meiner Arbeit eher weniger. Höchstens in der Form, daß im Entzug beson-ders extremer Kohlenhydrathunger auftritt, was aber ganz normal ist, weil Men-schen im Entzug oder bzw. die Nervenzellen im Entzug sozusagen Schwerstarbeit leisten, und die Nervenzellen brauchen Glukose, und andere Nährstoffe wie Eiweiße oder Fette können Nervenzellen nicht verwerten. Also haben diejenigen, die einen Entzug durchleiden, das Gefühl: Ich brauche ganz, ganz viel süßes Zeug, und das essen die dann auch. Die Ernährung ist dann immer sehr einseitig in Form von Tee und Kaffee mit viel Zucker, Nutellabroten und Müslis und ähnlichem. (0´40)

Sprecher: Obwohl Psychologen diese Problematik mehrheitlich als „Eßstörungen“ und nicht als Sucht bezeichnen, ist das Ganze wohl mehr ein akademischer Streit um des Kaisers Bart. Tatsache ist: Der Entzug von harten Drogen bedeutet ex-tremen Streß. Und der Heißhunger auf Süßes, den Marion Raitzig bestätigt, ist nach übereinstimmender Meinung der Streßforscher einfach eine Folge von Streß. Was für den Rauschgiftentzug gilt, gilt auch für andere Streßursachen. Zu viel davon kann das Verlangen nach Abhilfe ins Unerträgliche steigern. Und daß es Menschen gibt, die je nach Veranlagung, Stoffwechsel und Lebensge-wohnheiten bei jeder Belastung solche Suchtsymptome zeigen, hat jeder von uns schon beobachtet oder gar am eigenen Leib erfahren.
Extase, Rausch oder einfach nur die Steigerung des Wohlbefindens sind so alt sind wie die Menschheit. Dieses Ziel haben die Menschen im Laufe der Zeit mit vielen ver-schie-denen Methoden zu erreichen versucht. Von Drogen oder Sucht spricht man im allgemeinen dann, wenn Stoffe eingenommen werden, um die gei-stige und/-oder körper-liche Wahrnehmung und Verfas-sung verän-dern. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Arbeit des Sozialpädagogen Ulrich Steybe, der 1996 an der Fachhochschule Fulda über kulturhistorische Aspekte des Drogenkonsums in Europa von der Antike bis zum 19. Jahrhundert schrieb. Steybe schließt nämlich ausdrücklich Genußmittel in seine Untersuchung ein, die sich den Stoffen Alkohol, Opium, Cannabis, Tabak, Tee und Kaffee widmet. Zur Begründung heißt es:

Zitator: Es erscheint auf den ersten Blick recht unge-wöhnlich, Genußmit-tel des (heuti-gen) täglichen Ge-brauchs wie Tee oder Kaffee neben "Rauschgifte" wie Cannabis und Opium zu stellen. Betrachtet man jedoch die geschichtlichen Um-stän-de, so fällt auf, daß die "neuen" Rauschmittel Tabak, Kaffee und Tee bei ihrer Einführung in Europa eine mindestens ebenso heftige Dis-kus-sion um ihren Ge-brauch her-vorriefen wie heutzutage Fragen um die Lega-lisie-rung weicher Drogen.

Sprecher: Und nicht nur Diskussionen, sondern auch die ganze Palette der Folgen des Gegensatzes von Konsumdruck und Konsumverbot: Monopole, hohe Preise, Schmuggel, illegaler Handel, staatliche Verfolgung und zum Teil brutale Ver-teilungskämpfe um die Stoffe selbst oder schlicht um Marktanteile. So gese-hen, sind wir seit Menschengedenken eine Drogengesellschaft, die den alltäglicher Gebrauch bestimmter Substanzen genauso selbstverständlich kennt wie deren Mißbrauch und die Folgen. Schon Alexander von Humboldt kannte den „unwiderstehlichen Drang wirklicher oder scheinbarer Bedürfnisse“.
Wo und warum die alltägliche Gier in echte Sucht umschlägt, wurde bei den meisten Genußmitteln trotz erwiesener chemischer Wirkungen und Nebenwir-kungen bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Daß sich die Suchtforschung bisher damit nicht befaßt, liegt möglicherweise nur an der Fixierung der Medi-ziner, Psychologen und Juristen auf offensichtlich extrem gefährliche und ex-trem teuere Drogen. Und selbst dabei sind Irrtümer inbrgriffen.

Der ehemalige Richter Arthur Kreuzer, der das neue „Handbuch des Betäu-bungsmittelstrafrechts“ herausgegeben hat, ist als Professor für Kriminologie an der Universität Gießen vielleicht der gefragteste Drogen-Fachjurist in Deutschland. Und obwohl der Kriminalist natürlich immer fragt, wie gefährlich ein Stoff für die Gesundheit oder für die Gesellschaft ist, weiß Kreuzer sehr ge-nau, daß der gesetzliche Suchtbegriff mehr als lückenhaft bleiben muß:

Kreuzer 1: Ich meine, wir können auf weitgespannte Begriffe nicht verzichten, wenn wir eben aufzeigen wollen, daß gerade alle möglichen ALLTAGSMITTEL auch Wirkungen haben, die wir manchmal nur sogenannten illegalen Drogen zu-sprechen. Wir müssen auch, um ehrlich zu sein, erkennen, daß der Begriff, den unsere Strafgesetzgebung hat - Betäubungsmittelgesetz -, mit den dort erfaßten, sehr unterschiedlich wirkenden Mitteln, Suchtstoffen, daß dieses Ge-setz in gewisser Weise willkürlich aus politisch-ökonomischen Erwägungen ei-nige, vielleicht neuere Suchtstoffe erfaßt und andere außen vor läßt, die aber genauso in ihrem Gefährlichkeitspotential ernstzunehmen sind. (0´49)

Sprecher: Auch wenn wir uns aus dem Streit der Wissenschaftler heraushalten, was denn Drogen seien und was Süchte oder bloß Sehnsüchte: Bei allen Fachleuten herrscht inzwischen Einigkeit darüber, daß Sucht und Kriminalität immer Hand in Hand gehen. Offensichtlich haben sie gemeinsame Ursachen. Gibt es so etwas wie ein Gewaltpotential bestimmter Drogen? Dazu der Diplompsy-chologe und Therapieforscher Gerhard Bühringer:

Bühringer 1: Wenn Sie, sagen wir mal "Gewaltpotential" wegnehmen, den Begriff, und sagen dafür "Abhängigkeitspotential" oder "Risikopotential", da gehört Gewalt einschließlich dazu, dann tun wir uns schwer, das aus der Substanz, aus be-stimmten Aspekten der Substanz her zu begründen. Das Gewaltpotential hat sicher was damit zu tun, wie die Substanz wirkt. Wir wissen, daß Substanzen, die enthemmen oder aufputschen, also die Realitätsbewältigung und Reali-tätsbeobachtung und die Beachtung sozialer Normen stören, daß die ne grö-ßere Auswirkung haben.
Also jemand, der heroinabhängig ist, wird in der Regel nicht agressiv im Sinne, daß er Dritte angreift oder ähnliches, es sei denn, er ist in einer Notsituation. Und auch da passiert es nicht so häufig, während wiederum insbesondere Substanzen, die aufputschen. Alkohol ist ein bißchen schwierig: Alkohol hat ne enthemmende Funktion und von daher wird das Risiko größer, Prügeleien zu machen, ne ganze Reihe von Straftaten, also z.B. Vergewaltigungen und Kör-perverletzung und ähnliches passieren unter Alkohol eher, weil es enthemmt. Es gibt aber auch Substanzen, die aufputschen und von der Aufputschwirkung her dazu führen, daß die Leute eher agressiv werden. Die Sache wird aller-dings dadurch komplizierter, daß, ich glaub der Satz ist von Kreuzer: Eine Dro-ge macht keine Delinquenz. Das ist jetzt vereinfacht ausgedrückt und soll sagen: Nicht jeder, der die Droge nimmt, wird automatisch gewalttätig und führt zur Delinquenz. Wir wissen heute aus der Forschung, daß Delinquenz und Drogenkonsum gemeinsame Ursachen haben. Also ich brauche eine lange Geschichte von Delinquenz, um in einer bestimmten Situation unter Dro-geneinfluß auch tatsächlich eine Vergewaltigung vorzunehmen. Also wenn Sie oder irgendeine Person, die normal Alkohol trinkt, einmal im Leben zu viel trinkt, dann ist die Wahrscheinlichkeit extrem gering, jemanden zu vergewalti-gen. Das hat also auch eine persönliche Vergangenheit, eine wie wir sagen "Lerngeschichte delinquenten Verhaltens". (2´16)

Sprecher: Der Kriminologe Professor Kreuzer sagt im Blick auf die „gemeinsame Karriere“ von Drogen und Gewalt:

Kreuzer 2: Vor allem in Nordamerika gibt es ja die Meinung, daß die Zunahme von Mor-den in bestimmten Städten unmittelbar Folge gewesen sei der Zunahme des Kokain-Umgangs. Wahrscheinlicher ist, daß der Kampf ums Heroin, der "War on Heroin" oder der "War on Cocain" diese verstärkte Gewalt ausgelöst hat, d.h. der Verteilungskampf unter Einsatz bis hin zum Militär, bei den Beschaf-fungswegen, hat die Auseinandersetzung gewaltsamer gemacht. Hinzu kommt natürlich auch noch die große Waffenverfügbarkeit in Amerika. Es ist ein echter Krieg. Und das ist auch immer so bezeichnet worden: "War on Drugs", "War on Heroin", "War on Cocain". Und insofern würde ich das nicht als eine direkte Folge von Kokain auf den Täter bezeichnen, sondern als eine Folge des Ver-teilungskampfes, wo es um Machtpositionen geht, und wo rivalisierende Ban-den, "Kartelle" werden sie genannt, auftreten und ihre Versorgungsmärkte beherrschen wollen und Konkurrenz unterdrücken wollen. Allerdings wissen wir auch, daß einzelne Suchtstoffe, enthemmende Wirkungen stärker als ande-re haben und da wissen wir, daß z.B Alkohol, aber auch Kokain und Ampheta-mine, Gewaltpotentiale, die schon vorhanden sind, leichter aktualisieren können. Das kann dann eine Auseinandersetzung z.B. auch unter Süchtigen sein, wo man gewaltsam gegeneinander vorgeht und wo es nicht um die Ver-teilung der Drogen geht, sondern wo es auch um Alltagsauseinandersetzungen geht unter dem Einfluß von Drogen. (1´43)

Sprecher: Nun wollen wir nicht so tun, als ob Schokoladensucht oder übermäßige Gier ebenso mit Kriminalität einhergehen müßte wie die Sucht nach den Drogen, von denen Kreuzer hier spricht. Interessant ist aber die Meinung von Professor Dieter Klaiber, der das Psychologische Institut der Freien Universität Berlin leitet. Er hat kürzlich eine statistische Studie über „drogenbezogene Lebens-stile und Delinquenz“ vorgelegt, die vor allem Cannabis-Konsumenten mit ei-ner Gruppe nicht-Süchtiger aus der Normalbevölkerung vergleicht. Insgesamt war der Unterschied gar nicht groß, aber, so Kleiber:

Kleiber 1: Allerdings gibt es eine Teilgruppe, die klinische Probleme auch aufweist. Diese Teilgruppe allerdings zeichnet sich dadurch aus, daß sie sehr früh anfängt, zu konsumieren, und zu konsumieren, um die eigene Befindlichkeit damit zu re-gulieren. Die also Cannabiskonsum als Bewältigungsmechanismus, als An-passungsmechanismus einsetzt.Die jüngsten, diejenigen also, die am frühesten anfangen, haben dann also auch vergleichsweise höhere Risiken, so daß man in der Prävention, in der Vorbeugung darauf dringen sollte, das Ein-stiegsalter nach Möglichkeit nach oben zu verschieben. (0´35)

Sprecher: Im Klartext heißt das ganz allgemein: Möglicherweise ist die Neigung oder Veranlagung, irgendetwas zu essen, zu trinken oder zu rauchen, um damit zum Ausgleich irgendwelche Probleme zu kompensieren, eine entscheidende Schwachstelle. Wenn Kinder anfangen, jedesmal Süßigkeiten zu futtern, wenn sie Kummer haben, sollten also schon die Alarmlampen angehen.

Die Sucht nach Schokolade führt vielleicht „nur“ zu Schulhofkeilereien oder Ladendiebstahl; bei Alkohol streitet diesen Zusammenhang schon niemand mehr ab. Ein zentraler Punkt bei Napoleons Kontinentalsperre von 1806, die Historiker als den ersten großen Wirtschaftskrieg der Welt bezeichnen, war der Zucker. Das Importverbot für britische Kolonialwaren unterband die Einfuhr von Rohrzucker aus Afrika und Kuba, und da die Europäer auf Zucker nicht ver-zichten konnten oder wollten, wurden erfolgreich große Anstrengungen unter-nommen, um Zucker aus Rüben herzustellen.
Auch die Gesundheit kann man nicht nur mit Kokain, Opium und Heroin, Desi-gnerdrogen, Alhohol, Tabak oder Koffein zugrunde richten. Die Schäden selbst durch das harmloseste Genußmittel Zucker können genauso tödlich sein, wenn anhaltender Mißbrauch schweres Übergewicht, Arterienverkalkung und Herz-krankheiten zur Folge hat. Nur geht es nicht so schnell und ganz ohne die ge-sellschaftlich gefürchteten und geächteten Ausfallerscheinungen einer Sucht nach sogenannten „harten Drogen“. Gerade bei Genußmitteln mit drogenwirk-samen Inhaltsstoffen bekommt man immer wieder zu hören, die in Gewürzen enthaltene Menge sei viel zu gering, um im medizinischen Sinne Auswirkun-gen zu haben oder gar eine Sucht zu erzeugen. Doch dabei kommt es wohl auf die Dosierung an, meint der Lebensmittelchemiker Pollmer:

Pollmer 4: Wenn man weiß, daß da solche Substanzen drin sind, dann ist es klar, warum die Menschheit so dahinter her war. Und dann ist es klar, warum wir heute in unserer Zeit nicht mehr so sehr für die Gewürze interessieren. Wir würzen zwar, aber nicht mehr in den Mengen wie das im Mittelalter der Fall war. Da haben sich die Menschen etwa die 100-fache Dosis draufgetan, wie es heute ist. Wir könnten das gar nicht mehr essen. Und das hängt damit zusammen, daß die Gewürze verdrängt worden sind von anderen Substanzen, die auch Opiate im weitesten Sinne beinhalten, wie z. B. der Kaffee, der schwarze Tee, die Schokolade, der Zucker gehört im weitesten Sinne dazu, der das ersetzt hat, auch der Tabak. Und alle diese Produkte sind, selbst der Tabak gehört da-zu, nebenwirkungsfreier als diese hochdosierten Gewürzgeschichten. (0´41)

Sprecher: Wenn wir heute bessere Alltagsdrogen haben als Gewürze, heißt das jedoch nicht, daß es so etwas nicht schon immer gegeben hätte. Der Soziologe Ulrich Steybe aus Fulda schrieb über die antike Drogengesellschaft der Phönizier, Griechen, Perser und Römer:

Zitator: In der antiken Welt war der Drogenrausch eine gesell-schaftlich integrierte Er-fahrung. Opium, Haschisch und Alkohol waren sowohl religiös eingebunden als auch als Genußmittel in Ge-brauch. Alle Substanzen wurden in der Medizin verwendet; durch diese Art der medizini-schen Einnahme dürfte (insbesondere bei der Einnahme von Opium) ein großer Personenkreis süchtig geworden sein. Doch Sucht als stoffimmanentes Problem war eine Vor-stellung, die der antiken Welt fremd war. Die Verant-wortung, den Rausch zu suchen, wurde so dem Individuum aufer-legt. Den Menschen wurde zur Mäßigung geraten, doch war Rausch auf der anderen Seite besonders in den oberen Schichten fest etabliert, wo "Trinkexzesse nicht als soziales Problem wahrge-nommen oder gar verfolgt wur-den".

Sprecher: Die Zahl der überall bekannten und verfügbaren Drogen war geringer als heu-te. Auch im Mittelalter veränderte sich die Einstellung der Menschen nur sehr begrenzt. Noch einmal Ulrich Steybe:

Zitator: Das Trinken bis zum Umfal-len war für den gemeinen Mann bis zum 16. Jahr-hundert so selbstverständlich wie für den Adligen... Opium war lange Zeit so gut wie gar nicht in Gebrauch, später dann, wie auch Cannabis, nur in der Me-dizin. Der starke Gebrauch von opiumhaltigen Medikamenten läßt jedoch auf eine große Zahl von Benutzern schlie-ßen, die solche Medikamente nicht nur als Medizin ein-setzten, sondern sie auch zur Herbeiführung eines Rausches bzw. zur Bekämpfung der Suchtsymptome benutz-ten.

Sprecher: Illegale Drogen gab es nicht. Nur der offensichtliche Mißbrauch wurde mora-lisch verurteilt. Im übrigen kannten heilkundige Europäer schon die Wirkungen zahlreicher Pflanzendrogen, die wir bis heute nicht mit dem Begriff Rauschgift in Zusammenhang bringen, deren Wirkung aber nicht grundsätzlich davon zu unterscheiden ist. Schon in Antike und Mittelalter wußte man gut Bescheid über Drogen wie Opium, Cannabis, Alkohol und ganz bestimmte „Nebenwir-kungen“ vieler Gewürze. Hildegard von Bingen etwa, die berühmte dichtende und heilkundige Klosterfrau, schrieb um 1150, der regelmäßige Verzehr von Muskatnuß, Nelken und Zimt in Gebäck bewirke eine depressionsdämpfende „Aufhellung des Gemüts“.
Vor einem medizinisch oder juristisch definierten Suchtbegriff stand die gesell-schaftliche Akzeptanz dessen, was „üblich“ war. Gerhard Bühringer Leiter des Instituts für Therapieorschung in München, betont, daß der Stellenwert von Drogen in einer Gesellschaft bis heute immer von ihrer kulturellen Einbin-dung abhängt:

Bühringer 2: Und es sieht so aus, daß alle Gesellschaften damit leben, daß diese kulturelle Einbindung mehr oder weniger über die Zeit verloren geht. Also so wie Alkohol bei uns früher Teil einer spirituellen Handlung war, so ist es heute ein Alltags-gegenstand, und wir haben die Mühe, diese engen Einschränkungen des Al-koholkonsums, auch diese rituellen Besäufnisse, die wir früher hatten, im Zusammenhang mit solchen spirituellen Erlebnissen, nachdem das jetzt weg-fällt, haben wir die Mühe, neue Regeln zu finden. Also was alle Gesellschaften versuchen, ist sozusagen statt der religiösen Einbindung des jeweiligen Ex-zesses - des Konsums und des Exzesses - neue Regeln zu finden. Also Re-geln, daß man so wenig trinkt, daß man in bestimmten Situationen nicht auffällig wird, daß man in bestimmten Situationen gar nichts trinkt, wie beim Autofahren oder in der Schwangerschaft. Das heißt, diese Gesellschaft schafft sich für ihre Hauptdroge einen Satz von Regeln, um die Auswüchse möglichst gering zu halten. Und so wie wir unsere Hauptdroge eben im Alkohol haben und seit es eben in Europa Tabak gibt, im Tabak, so haben andere Länden das zum Beispiel im Khat oder in Asien im Opiat oder ähnlichem. Und es sieht so aus, daß die anderen Kulturen, die diese Substanz historisch nicht hatten, im-mer mit den fremden Probleme hatten. (1´23)

Sprecher: Fast alle Genußdrogen waren uns irgendwann einmal fremd. Trotz aller ge-genteiligen Beteuerungen, die übrigens erst jüngeren Datums und den Gehir-nen konservativer Gesetzeshüter entsprungen sind: Drogen und Religion schließen sich nirgendwo grundsätzlich aus. So wurde zum Beispiel die stimu-lierende Droge Koffein von muslimischen arabischen Hirten entdeckt und mit dem Türkenheer nach Europa gebracht. Im islamischen Jemen ist zwar Alkohol verboten, aber jeden Nachmittag bricht ein großer Teil des öffentlichen Lebens zusammen, weil Millionen Männer Khat kauen. Der Drogenspezialist Berndt Georg Thamm schrieb 1994 in seinem Buch „Mehrzweckwaffe Rauschgift“ über das Kraut, das wie Kaffee als „Kriegerdroge“ gilt:

Zitator: Khat ist ein in Ostafrika beheimateter, baumartiger Strauch, dessen frische Triebe, Zweige und insbesondere Blätter die Inhaltsstoffe Cathin, Cathinon, No-rephedrin und verschiedene Alkaloide enthalten. Durch gründliches kauen werden die Wirkstoffe im Speichel gelöst und führen zu Euphorie, Rede- und Bewegungsdrang. Psychotonische Haupt- und appetitzügelnde Nebenwirkung. Bei Überdosierung Kopfschmerzen, erweiterte Pupillen, erhöhte Körpertempe-ratur, beschleunigte Herz- und Atemfrequenz, bei Hochdosierung Vergiftungs-symptome wie Verwirrtheitszustände, Halluzinationen, agressives Verhalten. Über lange Gewöhnung bildet sich eine psychische, aber keine physische Ab-hängigkeit heraus.

Sprecher: Thamm berichtet auch über die Assasinen, die um 1090 in Persien und Syri-en als islamische Fundamentalisten-Sekte begannen und bis zu ihrer Ausrot-tung durch die Mongolenheere Tamerlans um das Jahr 1400 die Welt in Angst und Schrecken versetzten. Sie gelten als erste straff organisierte Terrorgruppe der Welt. Ihr Name bedeutet Haschisch-Esser. Diese „Haschaschinen“, die sich selbst „Fedaijin“ nannten, was auf arabisch so viel bedeutet wie „die Op-ferbereiten“, wurden durch Rauschgift zur tödlichen ferngelenkten Waffe mit der unüberwindlichen Motivation von Selbstmord-Attentätern. Ihr Anführer Ha-san Ibn Sabbah, genannt „der Alte vom Berge“, lebte von 1040 bis 1124. Er soll ein abgeschiedenes Tal in einen paradiesischen Garten umgestaltet ha-ben, wo sich seine Getreuen im Haschisch-Rausch allen Sinnenfreuden hin-geben durften. Dann wurde ihnen erzählt, sie hätten das Paradies besucht, das ihnen als Belohnung winke. Thamm schreibt:

Zitator: Ob dies nun mit dem Cannabisharz Haschisch geschah, oder mit dem Nacht-schattengewächs Bilsenkraut, das als Betäubungsmittel schon in der mittelal-terlichen Medizin im arabisch-islamischen Raum gut bekannt war, ist letzten Endes unerheblich.

Sprecher: Eine ähnliche Kriegerdroge war für die berüchtigte „Berserkerwut“ der Wikinger verantwortlich. Die Berserker oder nordisch „Bärenhäuter“ beschreibt Thamm als Krieger, die sich durch den Fliegenpilz in einen agressiven Rausch ver-setzten, der ihnen Bärenkräfte verlieh. Der Chemiker Pollmer berichtet, daß Ritualgelage mit Sumpfporstbier diese Wirkung hatten. Erst das bayerische Reinheitsgebot von 1516 verbannte „aufmüpfige Zutaten“ wie Sumpfporst, Bil-senkraut oder Stechapfel aus dem Bier und schrieb den deutschen Untertanen als Zutat den beruhigenden Hopfen im Bier vor. – Zufall? – Kein Zufall ist es sicherlich, daß zum Kern der katholisch-christlichen Rituale der Meßwein ge-hört. Wein spielt überhaupt in der Bibel eine große Rolle, ebenso wie Weih-rauch und Myrrhe. Bei Naturvölkern sind Drogen ebenfalls untrennbar mit religiösen Ritualen verbunden: Meskalin und der Agavenschnaps Pulque bei mexikanischen Indios, Tabak bei ihren Verwandten in der Karibik und am Ama-zonas, Coca in den Andenländern, und so weiter.

Pollmer glaubt, den wahren Grund dafür zu kennen, daß der mitteleuropäische Hexengarten mit Alraune und Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfdel, Schierling, Eisenhut, Flugsalben, Mutterkorn und Roggenbrot aus der Mode kam. Stechapfelräusche zum Beispiel sind für ihre besonders schlimmen Folgen be-rüchtigt. Immer wieder berichten Zeitungen über fehlgeschlagene Versuche, mit heimischen Kräutern eine Drogenparty Marke Eigenbau zu veranstalten. So meldete die Deutsche Presseagentur dpa am 29. Oktober 1998:

Zitator: Durch den Genuß von Tee aus Stechäpfeln haben sich 19 Jugendliche im Landschulheim Loppin in Mecklenburg-Vorpommern zum Teil schwer vergiftet. Die 15- und 16jährigen hatten sich den berauschenden Tee aus dem giftigen Nachtschattengewächs gekocht und waren in der Nacht mit Bewußtseinsstö-rungen und Koliken in Krankenhäuser in Waren und Plau gebracht worden. Sie seien inzwischen außer Gefahr, teilten die zuständigen Ärzte mit... Nach Angaben des Warener Chefarztes der Kinderklinik, Eberhard Lamster, handelt es sich dabei um eine sogenannte Atropinvergiftung durch Alkaloide in den Stechäpfeln. Sie verursachen unter anderem Bauchschmerzen und Halluzina-tionen... Versuche, Pflanzen als Drogen-Tees zu mißbrauchen, seien üblich.

Sprecher: Drogenwirksame exotische Gewürze sind da viel verträglicher. Trotzdem kann einem auch davon ganz schön übel werden. Deshalb hat Pollmer auch keine Angst, daß sich experimentierfreudige Hobbyköche damit vergiften oder süch-tig werden könnten:

Pollmer 5: Nein, überhaupt nicht. Denn die Nebenwirkungen der Gewürze sind doch so ausgeprägt, daß es kaum jemand überdosieren wird. Es gab nur noch mal vor vielleicht 15 Jahren eine Phase, wo überdosiert wurde. Das haben dann aber nicht die Hobbyköche gemacht, das haben die Hippies gemacht, wenn ihnen das Haschisch ausgegangen ist. Dann haben sie schon mal ein, zwei Muskat-nüsse verzehrt. Und da haben sie bereits 'ne Dosis, wo sie erst mal die näch-sten Wochen und Monate keine Muskatnuß mehr anpacken, was damit auch selbstregulierend wirkt. Weil wenn Sie sich da Muskatnuß hochdosiert einpfei-fen, da können Sie sich schon eine herbe Vergiftung holen. Deshalb muß man im Grunde auch davon abraten und eben wegen der Nebenwirkungen ist man davon abgekommen. (0´37)

Sprecher: Offensichtlich gibt es viel mehr drogenwirksame Stoffe, als allgemein bekannt ist, in unserer täglichen Ernährung - vom Säugling bis zum Greis, in allen Ge-sellschaftsschichten und in jedem Kulturkreis der Welt. Wir sind seit Jahrtau-senden eine Drogengesellschaft. Wer etwas anderes behauptet, macht sich was vor. Drogen sind so allgegenwärtig wie Medizin, Religion, Essen und Trinken. Sie bieten natürliche Antworten auf natürliche menschliche Bedürfnis-se. Daran kann also zunächst einmal nichts Schlechtes sein.
Doch wie das Beispiel Stechapfel oder auch die aktuelle Debatte über Fixer-stuben zeigen, in denen Schwerstabhängige Heroin vom Arzt bekommen, da-mit sie sich das Zeug nicht auf kriminelle Weise beschaffen, stellt sich immer wieder die Frage: Wie gehen wir damit um? Wie gehen wir vor allem mit jenen Drogen um, die extrem gefährlich sind, weil sie besonders schnell süchtig ma-chen, besonders gesundheitsschädlich sind oder besonders agressiv machen? Nur Aufklären oder auch verbieten? Beides hat seit eh und je seine Risiken, erklärt der Jurist und Drogenfachmann Professor Kreuzer:

Kreuzer 2: Also es gibt hier sehr viele Spekulationen, sogar ökonomische Berechnungen, was eintreten wird, wenn wir den Drogenmarkt legalisieren, so daß für einen il-legalen Markt weniger Platz ist. Ich halte diese Spekulationen alle - oder auch die ökonomischen Berechnungen - für einseitig, weil die Tendenzen des Ver-brauchs von Drogen nicht nur vom Markt bestimmt werden. Ob eine Nachfrage besteht, wird nicht nur vom Angebot her diktiert, sondern auch von Moden, die schwer kontrollierbar sind, von Bewegungen, von dem entsprechenden Alter, also etwa Jugendlichen, wenn die sich neuen Dingen verschreiben. Es sind viele Faktoren, die hier einwirken und eben nicht nur die ökonomischen. (0´4

Sprecher: Einer dieser Faktoren, an den man im Zusammenhang mit Drogen kaum denkt, scheint die geographische Breite zu sein. Daß das Klima auch Eßgewohnhei-ten prägt, weiß man. Aber: Statistiken belegen eindeutig, daß nicht nur Alkohol- und Kaffeekonsum im Norden viel verbreiteter sind als im Süden. Offenbar hat das Sonnenlicht großen Einfluß auf die Körperchemie, und Lichtmangel be-wirkt bei vielen Menschen Depressionen. Entwicklungsgeschichtlich stammt der Mensch aus dem sonnigen Süden. Anscheinend sind wir grundsätzlich genetisch so ausgestattet, daß wir zwar als Kinder Milch vertragen, später aber nicht mehr. Und da hat der Chemiker Pollmer bei den Genetikern nachgefragt:

Pollmer 6: Damit wir Deutsche hier überhaupt in diesem Land leben können, dazu brauchten wir zwei genetische Defekte. Das eine ist, daß wir eine helle Haut bekommen haben, damit wir die Sonne besser ausnutzen können, weil wir in diesen kühlen Breiten ja auch noch bekleidet herumlaufen müssen. Und wir haben einen genetischen Defekt, der es uns erlaubt, nicht nur als Kind Milch zu trinken, sondern auch als Erwachsener. Weil man in der Milch eine Sub-stanz drin hat, die ein bißchen den Lichtmangel ausgleichen kann. Das ist nur eine Erklärung dafür, wenn Sie nach Skandinavien gehen, werden die Men-schen noch heller, und es gibt erheblich mehr, die Milch vertragen. In Skandi-navien ist es mal grad einer von 100, der es nicht verträgt. Bei uns sind es bereits 10 von 100. In Österreich sind es 20 von 100, in Italien vertragen 50 von 100 keine Milch. (0´49)

Sprecher: Wir erinnern uns: Die Milch macht´s mit Endorphinen. Aber wenn die geneti-sche Milchverträglichkeit zum Äquator hin abnimmt, wie erklären sich dann Ausnahmen wie die Masai in Afrika, sich traditionell fast ausschließlich von ei-ner Mischung aus Milch und Blut ihrer Rinderherden ernähren?

Pollmer 7: Es hängt von den ökologischen Gegebenheiten ab, ob sie beispielsweise Ak-kerbau betreiben können. Oder ob sie nur eine Milchwirtschaft, eine Viehwirt-schaft machen können. Und diese Populationen konnten nur überleben, wenn sie Wege gefunden haben, daß sie die Milch bis ins hohe Alter vertragen. Die-se Anpassung kommt aber im Laufe der Jahrhunderte. (0´17)

Sprecher: Fazit: Drogenwirksame, meist exotische Gewürze und „Alltagsdrogen“ wie Milch, Zucker, Schokolade, Tee und Kaffee sind aus unserer Gesellschaft seit Jahrtausenden nicht wegzudenken. Naturwissenschaft , Medizin und moderne Psychologie können neue Antworten auf die Frage geben, warum wir auf so vieles nicht verzichten können oder wollen. Wenn Regierungen alle Drogen kriminalisieren oder gegen Alkohol und Zigaretten zu Felde ziehen statt gegen harte illegale Drogen, gehen sie sicher einen falschen Weg. Die Suchtärztin Raitzig bringt Drogen sogar in einen Zusammenhang mit Lebensfreude:

Raitzig 6: Ich denk schon, daß die Menschheit irgendwo ihr emotionales Gleichgewicht sucht. Und sie nutzt das, was da ist. Wenn Gin da ist, wird es Gin sein, und wenn Kokain da ist, wird es Kokain sein, und wenn es Schokolade ist, wird es Schokolade sein. Die Menschheit hat ein hedonistisches Prinzip. Sie möchten ganz, ganz viel Ausbeute von Lustgefühlen für sich erlangen. Und das ist glaub ich biologisch auch sinnvoll. Denn nur so kann man sich auch Sexualität erklä-ren und Fortpflanzung. (0´30)

Musik: (Tscherkessen-„Bauchtanz“ – Orient-Assoziationen, unterlegt bis Ende – 3´10)

Sprecher: Drogenexperten sind sich aber auch einig über die gemeinsamen Ursachen von Sucht und Kriminalität. Wegen ihrer Wirkung bedeuten Alltagsdrogen in einer von ihnen geprägten Gesellschaft einen riesigen Markt. Kein Wunder, daß um Herstellung und Handel schon immer heiße Verteilungskämpfe geführt wurden – ein Kampf ums Glück. Teils als Seeräuberei, die fast tausend Jahre lang von Verbrechern ebenso wie im Auftrag gekrönter Häupter praktiziert wur-de, teils als „Kanonenboot-Politik“ der Kolonialmächte. Darum geht es in der nächsten Sendung der Reihe: „Krieg um die Schätze des Orients“.

(Musik hoch bis ENDE)

Autor: Widmar Puhl SÜDWESTRUNDFUNK SWR 2
Redaktion: Alfred Marquart Unterhaltung
Regie: ...




Blutiges Geld – Von Al Capone bis Silvio Berlusconi
Reihe: Drogen-Kriege (4)
________________________________________________

Kostenträger: 1000123
Produktion: Tag..., Datum, Uhrzeit, Studio Nr... (Ort)

Sendung: Tag..., Datum, Uhrzeit
SWR 2 Unterhaltung

Besetzung: Sprecher ...
Sprecherin ...
Zitator ...










Dupuis: (O-Ton+Overvoice NDR/99 „Im Namen der Droge“ II) – 0´35
Uit percent... 8 % des Welthandels stammen aus dem Drogengeschäft... Das entspricht dem Jahreshaushalt einer führenden Industrienation... Das organi-sierte Verbrechen hat eine Größenordnung erreicht, die unser demokratisches System im Herzen bedroht... democraci.

Sprecherin: Was der belgische Abgeordnete Olivier Dupuis 1998 vor dem Europäischen Parlament sagte, ist keine Science Fiction, sondern bitterer Ernst. Blutiges Geld aus den internationalen Drogenkartellen fließt in die legale Wirt-schaft. Es verschafft dem organisierten Verbrechen Einfluß und Macht in ei-nem bisher unvorstellbaren Ausmaß. Es ist genug Geld, um der Staatsmacht den Krieg zu erklären, wenn sie sich den Machenschaften der „ehrenwerten Gesellschaften“ in den Weg stellt.

Atmo: (Gefecht/Artillerie aus „Kanonenboot am Yangtsekiang“, unterlegen) – 0´56
Sprecher: Beispiele dafür sind nicht nur die Wellen von Mafia-Morden und Attentaten auf Richter und Polizisten in Italien, bei denen nicht selten die Armee eingesetzt werden mußte; besonders spektakulär waren 1971 der Putsch des Drogenbos-ses und Generals Banzer in Bolivien, 1989 die US-Invasion zum Sturz des Diktators und Drogenbarons Noriega und der Krieg des Medellín-Kartells ge-gen die kolumbianische Regierung von 1989 bis 1993. Beunruhigend ist für Fachleute auch die Militarisierung und Brutalisierung osteuropäischer Drogen-syndikate durch arbeitslose Soldaten und Geheimdienstler.

Sprecherin: Allem Anschein nach bietet die Demokratie bisher keinen wirksamen Schutz vor dieser Entwicklung. Wie soll ein Staat seine Bürger schützen, wenn er bis an die Spitze mit Korruption und dem illegalen Drogen-, Menschen und Waf-fenhandel verfilzt ist? Der jüngste Beweis dafür ist der Fall Silvio Berlusconi. Er war nach einer Bilderbuchkarriere 1994 bis zum Ministerpräsidenten aufge-stiegen und nach nur sieben Monaten Amtszeit wieder gestürzt. Während er als Gastgeber der UNO-Weltkonferenz über organisierte Kriminalität in Neapel den Sieg über die Mafia verkündet, hat die Staatsanwaltschaft die Anklage fer-tig: Es war eine Karriere im Schatten von Korruption und Mafia. Vor Gericht er-zählte der Kronzeuge Gioacchino Pennino von Kontakten des Angeklagten zu dem Mafiaboß Stefano Bontade, der über einen Mittelsmann namens Delutri von der Berlusconi-Partei Forza Italia Drogengelder zur Verfügung gestellt hatte, um sie in einem der drei Fernsehsender Berlusconis zu waschen:

Pennino: (O-Ton+Overvoice NDR/99 „Im Namen der Droge“ II) – 0´30
Cuesto era... nicht mehr schadete.

Sprecherin: Es wurde nie geklärt, wo die schwarz investierten Millionen von Mafiaboß Bontade nach dessen Ermordung geblieben sind. In verschiedenen Verfahren wurde Berlusconi einmal zu zwei Jahren und acht Monaten und einmal zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Nach einer neuen Bestimmung des Strafrechts muß aber niemand mehr eine Strafe unter drei Jahren absitzen.

Sprecher: Berlusconi hatte in den achtziger Jahren mit Hilfe einer Scheinfirma in Panama 24 Millionen Mark aus seinen Unternehmen abgezweigt und zur Finanzierung politischer Freunde verwendet. Hauptnutznießer war frühere Sozialistenchef Bettino Craxi, der sich der Justiz durch ein luxuriöses Exil in Tunesien entzog. Craxi, von 1983 bis 87 Ministerpräsident, war Berlusconis Trauzeuge und Taufpate seiner Tochter Barbara. Craxi hatte laut Gerichtsprotokoll folgendes Schmiergeldsystem etabliert: Um einen öffentlichen Auftrag zu bekommen, waren fünf Prozent der Auftragssumme an die Parteien zu zahlen. In Mailand waren das 50 Prozent für die Christdemokraten und jeweils 25 Prozent für So-zialisten und Kommunisten. Craxi zweigte Millionen auf private Nummernkon-ten in der Schweiz ab, von denen Geld an Freimaurerlogen und Mafialeute floß.
Craxi sorgte dafür, daß die Behörden von Mailand die Bauvorschriften änderte, als Berlusconi das erste große Geld als Bauunternehmer in Mailand machte. Craxi holte Berlusconi in die verbotene Geheimloge P2 und wachte darüber, daß nichts den Aufstieg seines Schützlings zum Medienzar bremste.

Sprecherin: Durch seine Holding-Gesellschaft Fininvest übernahm Berlusconi die Kontrolle über die größte Werbeagentur des Landes, kaufte ein Verlag, eine Super-marktkette, eine Versicherung und den Fußballverein AC Mailand. Einen Knacks bekam sein Image erst, als er sich weigerte, für die Amtsperiode als Regierungschef seine Fernsehsender aufzugeben. Dann erließ er eine Amne-stie für über 2000 Politiker und Geschäftsleute unter Korruptionsanklage. Er behauptete, sie würden von übereifrigen Untersuchungsrichtern verfolgt. Diese Amnestie mußte er unter dem Druck der Öffentlichkeit widerrufen.

Sprecher: Auch in Europa kann also niemand mehr wissen, ob er nicht von Kriminellen regiert wird. Die Korruption ist überall. Und ein Großteil des schmutzigen Gel-des ist blutiges Drogengeld. Wie das kommt, schildert Klaus Mellentien, Leiter der Abteilung OK - „Organisiertes Verbrechen“ - beim Landeskriminalamt Stuttgart, einer der dienstältesten Drogenfahnder Deutschlands:

Mellentien 1: (O-Ton 1´1 Es sind die ungeheueren Gelder, die dafür verantwortlich sind, daß die Mafia, die Camorra, die Cosa Nostra, die chinesischen Triaden, die Kartelle, in den Rauschgifthandel eingestiegen sind. Ein kleiner Teil dieser Profite geht in das nächstgrößere Rauschgiftgeschäft. Man dealt sich hoch. Ein etwas größerer Teil der Rauschgiftprofite läuft in gewinnbringende Anlagen, in Immobilien, in Tafelgeschäfte usw., aber der größte Teil dieser Profite läuft in die legale Wirtschaft. Hier müssen sich bestimmte Leute in der Wirtschaft ihren Kapitalbedarf nicht mehr zu banküblichen zum Teil ungünstigen Konditionen holen, sondern können mit diesen Rauschgiftgeldern oder OK-Geldern arbei-ten und damit Konkurrenz an die Wand drücken. Und wenn wir mal weltweit schauen – und ich glaube, da sind wir noch nicht sensibel genug, - wie sich organisiertes Verbrechen etabliert, dann haben wir es in drei Stufen, fast eine Gesetzmäßigkeit: Die erste Stufe – organisiertes Verbrechen: Es kommt zu großen Kapitalansammlungen. Zweite Stufe: Dieses Geld läuft in die legale Wirtschaft. Mann kann mittel – langfristig Konkurrenz an die Wand drücken, kaputtmachen, unterbieten, und kann wirtschaftliche Macht erreichen. Dritte Stufe: Wirtschaftliche Macht erlaubt politischen Einfluß. Und das ist der Punkt, über den dann Kriminologen sprechen, daß das organisierte Verbrechen immer weniger angreifbar wird.

Sprecherin: Das Motiv ist der nackte Profit. Mellentien schätzt den weltweiten Jahresum-satz aus Drogen auf 500 Milliarden Dollar. Der Brite Brian Freemantle spricht in seinem Buch „Importeure des Verbrechens“ von 820 Milliarden bis 1,2 Billio-nen Dollar. Damit dieses Geld nicht mehr stinkt, muß etwas für sein Image ge-tan werden. Dann, so weiß der Fahnder, gehen die Dinge ihren Gang:

Mellentien 2: (O-Ton 0´44) Mafia ist eigentlich so ein sublimes System der Einflußnahme über die Freunde, die Freunde der Freunde. Man hat seine Beziehungen. Man macht sich schon gar nicht mehr die Hände schmutzig. Und vor dieser Entwicklung ist Westeuropa, ist auch Deutschland nicht gefeit. Italien ist ein Beispiel dafür, aber auch Anzeichen in Deutschland. Diese Entwicklung wird vorbereitet und gekennzeichnet durch eine Verwilderung der Sitten, auch der gesellschaftlichen, der wirtschaftlichen, der politischen Sitten. Das sind Ent-wicklungen, wie gesagt, die auch auf Deutschland zukommen können und die in Ansätzen bei uns auch schon zu beobachten sind.
Musik: (Archiv: „That´s what friends are for“. Ab Stichwort blenden, hier Refrain hoch)

Sprecherin: Einen Quantensprung machte das organisierte Verbrechen, als es gesell-schaftsfähig wurde. Das begann mit Al Capone in Chicago, der mit Alkohol-schmuggel während der Prohibition von 1919 bis 1933 reich wurde. Er kontrol-lierte Alkohol, Prostitution und Glücksspiel, war ein großer „Arbeitgeber“, steuerte die Gewerkschaften und spendete Geld an politische Parteien. So ge-wann er Einfluß auf Lokalpolitik und Polizei. Nur einmal wurde er wegen Steu-erhinterziehung verurteilt, aber als kranker Mann begnadigt. Mit 17 Jahren hatte er als Schmuggler und Schutzgelderpresser für illegale Kneipen ange-fangen. Als er 1947 starb, war er der allseits respektierte „Pate“.

Sprecher: Der Erfolgsfilm „Der Pate“ von Francis Ford Coppola nach Mario Puzo trägt zur Verherrlichung des Mythos „Mafia“ ebenso bei wie mehrere Werke des Re-gisseurs Sergio Leone. Dessen Melodram „Es war einmal in Amerika“ ist eine romantische Version der Biographie von Al Capone, der mit 14 in die New Yor-ker Five Point Gang eintrat. In der sozialen Hölle der Wirtschaftsdepression finden Straßenkinder nur in Banden Solidarität und Geborgenheit:

Filmton: (Jungens in „Es war einmal in Amerika“/S.Leone 1) – 0´24
Hiermit wird der Gemeinschaftsfonds... einverstanden.

Sprecherin: Nachdem sie erfolgreich das erste große Ding gedreht haben, machen sich die Jungs systematisch an die Sicherung ihres Reviers. Dabei kommt ihnen ein Polizist gerade recht, den sie über den Dächern der Stadt in flagranti mit einer befreundeten Nachwuchs-Prostituierten erwischen:

Filmton: (Jungens + Polizist in „Es war einmal in Amerika“/S.Leone 2) – 1´53
Ich hab´gedacht... Scheiße!

Sprecherin: Früh übt sich... Lucky Luciano konnte die amerikanischen Mafia-Familien zu einem großen Syndikat unter sich vereinen. Brian Freemantle berichtet unter Berufung auf Lucianos 1993 verstorbenen Anwalt Moses Polakoff: Der US-Marinegeheimdienst bat den inhaftierten Boß der Bosse während des Zweiten Weltkrieges um Hilfe bei der Invasion in Italien:

Zitator: Luciano verbot den Diebstahl von Kriegsgütern im Hafen von New York, in dem die Mafia herrschte. Er verbot auch Verzögerungen bei der Verschiffung nach Europa. Es gab keine Diebstähle. Und keine Verzögerungen. Nachdem er sei-ne Macht demonstriert hatte, schlug Luciano den amerikanischen Behörden den bis heute dementierten Handel vor: Umwandlung seiner Haftstrafe von bis zu 50 Jahren wegen Förderung der Prostitution in eine Bewährungsstrafe ge-gen eine Mithilfe bei der Landung der Alliierten auf Sizilien.

Sprecherin: Regelmäßig gingen Botschaften aus Lucianos Zelle an die sizilianischen Ein-wanderer. Karten wurden gezeichnet, die besten Landeplätze an der Küste markiert, sichere Wege durchs Hinterland. Befehle Lucianos gingen nach Sizi-lien, in denen die geschwächte Mafia angewiesen wurde, die GI´s mit einer Untergrund-Armee zu unterstützen. Listen mit Mussolini-Anhängern und deut-schen Kollaborateuren wurden erstellt – und Listen mit vertrauenswürdigen Führern und Kanidaten für alle wichtigen Ämter.

Sprecher: Tatsächlich trugen die ersten Soldaten, die sich an der sizilianischen Küste zeigten, neben der US-Flagge eine Flagge mir einem schwarzen L auf weißem Grund – für Luciano. Es gab kaum Verluste. Die Mafia erhielt im Gegenzug für ihre Verdienste freie Hand, und Lucky Luciano durfte nach Sizilien ausreisen.

Sprecherin: Filmstars wie Marlon Brando sich mit den echten Paten auf Partys feiern. Das hat ihnen nicht etwa geschadet, sondern zur Akzeptanz der „ehrenwerten Ge-sellschaft“ beigetragen. Wir leben in einer Gesellschaft von Wölfen ohne Zu-sammengehörigkeitsgefühl. Doch der Mythos sagt: Bei der Mafia hält man zusammen. In Sizilien muß man einen Mord begehen können, um ein Ehren-mann zu sein. In unserer Ellbogengesellschaft muß man „absahnen“, um sich Respekt zu verschaffen. Es gibt keine Guten und Bösen mehr, sondern nur Gewinner und Verlierer. Erfolgreiche Kriminelle sind intelligent und gebildet, professionell, rücksichtslos und im Grunde wie alle anderen: Vertreter einer doppelten Moral. Geld stinkt nicht. Keiner will mehr wirklich wissen, wo es her-kommt. Im Januar 1999, nur wenige Wochen nach dem Tod des Sängers Frank Sinatra, wäre Al Capone 100 Jahre alt geworden und der Filmregisseur Sergio Leone 70. Was die drei verbindet, sind Charakter und gesellschaftliche Anerkennung. Die New York Times berichtete am 13. Dezember 1980:

Zitator: Am Tag nachdem der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, William French Smith zum Justizminister designiert hatte, ging der Justizminister in spe zur Party anläßlich des 65. Geburtstags eines Mannes, der nach einem Bericht von Newsweek Gegenstand einer Untersuchung der Federal Grand Jury in New York war. Der zukünftige Chef unseres Justizmini-steriums und 200 andere Gäste trafen sich zu Ehren von Frank Sinatra, des-sen lebenslange Unterweltfreundschaften Teil seiner Geschichte sind. Mr. Sinatra machte 1947 einen Ausflug nach Kuba, um Lucky Luciano zu besu-chen. In den sechziger Jahren sah man ihn oft mit dem Neffen Al Capones, Joe Fish. Er hat den Chef des Mobs von Chicago, Sam Giancana, bewirtet... Umso schlimmer, daß sich Ronald Reagan an Mr. Sinatra gewandt hat, um Geld für seinen Wahlkampf zusammenzukriegen; daß er sich zu einem Jubiläum von Sinatra einladen ließ; daß er sich Mr. Sinatra ausgesucht hat, um die Gala sei-ner Amtseinführung am 19. Januar zu organisieren.

Sprecherin: Bleibt nur noch anzumerken, daß Ronald Reagan selbst ein Stück des eitlen Hollywood und lange Jahre Funktionär der amerikanischen Schauspielerge-werkschaft war. Die US-Gewerkschaften aber sind ein traditionelles Betäti-gungsfeld der Verbrechersyndikate. Man war also miteinander groß geworden.

Musik: (Archiv: Frank Sinatra: „I did it my way“ (life), kurz hoch und unterlegen)
Sprecher: Wen wundert es da noch, daß auch der italienische Regierungschef Bettino Craxi 1986 mit seiner Gattin im Parkett saß, als Frankyboy in Mailand ein Kon-zert gab. Die Karten kosteten 750 Mark. Hinterher ging man gemeinsam im Nobelrestaurant Savini essen. Das organisierte Verbrechen ist zwar nicht welt-weit eine große Familie, aber in Westeuropa und den USA schon.
Musik: (Frank Sinatra: „I did it my way“, Schluß und Applaus. Blenden)

Sprecherin: Kein anderer europäischer Staatsmann hat die italienische Politik der Nach-kriegszeit mehr verkörpert als Giulio Andreotti. Fast 50 Jahre lang war er der Fels christdemokrischer Macht. Niemand hatte in dieser Zeit mehr Ministerpo-sten inne, sieben Mal war er Regierungschef. Er kannte sieben Päpste persön-lich, jeden Kardinal im Vatikan, jeden politischen Führer der Welt. Die graue Eminenz wurde Senator mit Immunität auf Lebenszeit. Doch Anfang 1993 leg-ten die Richter einer Sonderkommission des Senats einen Bericht vor, nach dessen Lektüre die Parlamentarier Andreottis Immunität widerriefen. Neun Mo-nate Ermittlungsarbeit faßt Brian Freemantle mit den Worten zusammen:

Zitator: Es gab Mafiamitglieder, die er, als traditionellen Respektbeweis, küßte. Und die ihn „lo zio“, den Onkel, nannten, um ihrerseits ihren Respekt zu bekunden. Und er kannte Mafiamörder, die auf seinen Befehl töteten. Er kannte auch korrupte Richter, die ihre Urteile nach seinen Wünschen sprachen. Und Großmeister versteckter Freimaurerlogen, in denen er solche Leute kennenlernte und solche Arrangements traf.

Sprecherin: Andreotti ist heute 80 Jahre alt, ein schmaler, leicht gebeugter, immer höflicher und nie lauter Mann mit Brille und stets im dunklem Anzug. Ob es jemals zu einem Urteil kommt, kann niemand sagen. Er wehrt sich vor Gericht hartnäckig gegen die Belastungszeugen mit dem Hinweis, daß Ex-Mafiosi nicht glaubwür-dig seien. General Dalla Chiesa, der Anti-Mafia-Präfekt von Palermo wurde, nachdem er die terroristischen Roten Brigaden zerschlagen hatte, der oberste Ermittlungsrichter Falcone und dessen Nachfolger Borsellino waren da ande-rer Meinung. Alle drei wurden ermordet.

Sprecher: Vor allem die Tagebücher von Dalla Chiesa belasten Androtti. Die Kronzeugen, zwei Ex-Mitglieder der Cosa Nostra in Palermo namens Tommaso Buscetta und Francesco Marino Mannoia, leben unter ständiger Bewachung in den USA, weil es in Italien keine Möglichkeit gäbe, sie zu schützen. Wenn sie auf-treten, dann nur mit schwarzer Sonnenbrille, schußsicherer Weste und einem Schwarm von Leibwächtern. Mannoia sagte aus, daß Andreotti Ende der sieb-ziger Jahre in der Geheimloge P 2 den Mafiaboß Bontade kennenlernte, der später bei einem Mafiakrieg um Heroinschmuggel erschossen wurde.

Sprecherin: Durch Bontade kam Andreottis Schützling Salvatore Lima zur Cosa Nostra. Der Führer der Christdemokraten saß im römischen Parlament und wurde später Europa-Abgeordneter in Straßburg und Brüssel. Dort gab es durch Subventionsbetrug Milliarden zu verteilen. Fachleute schätzen, daß nur ein Drittel aller EU-Zuschüsse an die richtige Adresse kommt. Zudem sind den Behörden im Hinblick auf grenzüberschreitende Aktionen politisch die Hände gebunden. Die zentrale EU-Fahndungsbehörde zum Beispiel darf bisher nur auf Anfragen aus den Mitgliedsländern hin unterstützend ermitteln, den Infor-mationsaustausch beschleunigen und die Arbeit der nationalen Polizeien koor-dinieren. Der Spezialist Berndt Georg Thamm sagt mit Blick auf Europol:

Thamm 1: (O-Ton 0´4 In Deutschland gibt es eine Definition, die Briten haben eine eigene Definition. Aber es gibt keine einheitliche, nach der alle Strafverfolger beispielsweise innerhalb der EU arbeiten und organisiertes Verbrechen be-kämpfen würden. Das trifft auch auf beispielsweise den Betrugsbegriff zu. Und es gibt Länder, da sind einige Betrügereien im Bereich des Subventionsbetru-ges, als Straftatbestand definiert, und es gibt Länder, da stellen die Subventi-onsbetrügereien keinen Straftatbestand dar.

Sprecherin: Als der Kampf gegen die Mafia trotz solcher Schutzmechanismen Fortschritte machte, nahm Andreotti an Treffen mit Bontade teil, bei denen auch die Ermor-dung von Kronzeugen beschlossen wurde. Freemantle zitiert aus dem Ver-nehmungsprotokoll Mannoias, daß Bontade einmal zu Andreotti sagte:

Zitator: Wir führen in Sizilien das Kommando, und wenn Sie die Christdemokratische Partei nicht völlig ausradieren wollen, machen Sie, was wir sagen. Wenn nicht, werden wir Ihnen nicht nur die Wählerstimmen in Sizilien wegnehmen, sondern auch in Reggio Calabria und in ganz Süditalien.

Sprecherin: Vor der Senatskommission zur Prüfung von Andreottis Immunität sagte der Kronzeuge Buscetta aus, Andreotti habe 1982 die Mafia gebeten, Dalla Chiesa hinzurichten. Der war entschlossen, die Verbindungen sizilianischer Christde-mokraten zur Mafia aufzudecken. Er überlebte nur sieben Monate im Amt.

Sprecher: Aldo Moro, Parteifreund Andreottis und damaliger Ministerpräsident, weigerte sich, die Absetzung von Richtern rückgängig zu machen, die Mafiaprozesse verschleppten und unerklärlich leichte Strafen verhängten. Als die Roten Bri-gaden Moro entführten, taten sie Andreotti ahnungslos einen Gefallen.

Sprecherin: Im Mai 1978 schlugen einige Paten bei einer Versammlung im Haus des Bon-tade-Nachfolgers und später verurteilten Massenmörders Salvatore Riina vor, als Gegenleistung für die Gefälligkeiten der Christdemokraten Aldo Moro aus der Gefangenschaft der Roten Brigaden zu befreien. Daraufhin erklärte Riina nach der Aussage des Kronzeugen Mannoia:

Zitator: Du hast es nicht begriffen. Die führenden Politiker seiner Partei wollen nicht, daß er befreit wird.

Sprecherin: Für die Andreottis, Sinatras und Lucky Lucianos dieser Welt wird ein roter Teppich aus Heuchelei und Doppelmoral ausgerollt. Manchmal verweigern Po-litiker der Polizei notwendige Instrumente zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens aus Rücksicht auf Partei- und Geschäftsfreunde. Manchmal wer-den sie zu Komplizen. Aber, so Berndt Georg Thamm, jeder einzelne Bürger muß sich fragen, ob seine Moral sich von der Moral der Mafia unterscheidet.

Thamm 2: (O-Ton 1´05) Ich hoffe, daß wir in Deutschland nicht den Weg gehen müssen, den mehrere Generationen unserer italienischen Mitbürger haben gehen müs-sen. Organisiertes Verbrechen zu bekämpfen heute in Italien heißt einen ge-samtgesellschaftlichen Schulterschluß unterschiedlichster Gruppen, d.h. Polizei plus Richter plus Journalisten plus Geschäftswelt, Wirtschaft und der Souverän. Und erst nach einem unendlichen Blutzoll über Generationen – bis hin zur Ermordung der Richter Borselino und Falcone, wo ein Ruck durch das ganze Land ging, wo zum ersten Mal Demonstrationen in Sizilien waren „Italien den Italienern und nicht der Mafia“, Demonstrationen, die vorher nicht mal vor-stellbar waren – so weit muß es nicht kommen bei uns.

Sprecherin: Das Netz der kriminellen Syndikate ist weltweit gespannt und oft genug Teil der internationalen Beziehungen. Hier wissen nicht einmal Geheimdienste al-les. In dem Action-Thriller „Das Kartell“ spielt Harrison Ford einen stellvertre-tender CIA-Chef, der nicht nur gegen südamerikanische Kokain-Barone kämpft, sondern auch gegen Dunkelmänner, die vertuschen wollen, daß ein Freund des Präsidenten Drogengeld gewaschen hat. Ein Doppelagent der Drogenbosse hat offenbar einen direkten Draht zur CIA-Zentrale:

Filmton: (Philip Noyce: „Das Kartell“ mit Harrison Ford ) – 0´35
Sein Name ist Cortez... es sei denn, Sie tragen sich mit Selbstmordgedanken!

Sprecher: Die Regierung Boliviens erklärt öffentlich, daß 60 Prozent ihrer Wähler Groß-grundbesitzer und Kokabauern sind. Sie will wiedergewählt werden, wie auch die Führung westlicher Industrieländer, die Waffen exportieren, Medikamente oder Chemikalien, die bei uns verboten sind. Drogenbarone bauen Straßen, Flugplätze im Dschungel, Hotels, Läden und Restaurants, Kinos, Spielcasinos und Golfplätze, manchmal auch ganze Siedlungen, Krankenhäuser, Labors und Industrien, sorgen für Wasser und Strom. Sie schaffen Arbeitsplätze.

Sprecherin: Seit der ersten Weltdrogenkonferenz der Vereinten Nationen 1987 in Wien gab häufig Erpressungsversuche: Entwicklungshilfe gegen Wohlverhalten in der Drogenpolitik. Entschädigungen für den Verzicht auf den Anbau und Verkauf von Mohn-, Coca- und von Cannabisprodukten.

Sprecher: Das Goldene Dreieck (mit Thailand, Laos und Burma), Pakistan, Afghanistan, jetzt auch Tschetschenien und andere Kaukasusrepubliken, die Türkei, Marok-ko, Nigeria, Mexiko, Kolumbien: Alle verlangen Ausgleichszahlungen oder Schuldenerlasse für die Umstellung der Landwirtschaft und den Kampf gegen Drogenhändler, für Ausrüstung, Ausbildung von Polizei und Militär.

Sprecherin: Davon profitieren auch Diktatoren, die niemals vorhatten, etwas gegen die Drogenmafia zu unternehmen. Der illegale Kapitalismus ist vom legalen immer weniger zu unterscheiden. Dagobert Lindlau beschreibt in seinem Buch „Der Mob“ den Fall eines Fahnders der US-Drogenbehörde DEA in Mexiko, der zu erfolgreich war, 1986 verhaftet und im Gefängnis gefoltert wurde:

Zitator: Als ein Sprecher des Weißen Hauses die Folterung des amerikanischen Be-amten öffentlich mitteilt und im Namen der US-Regierung dagegen protestiert, befindet sich gerade Mexikos Präsident Miguel de la Madrid zu einem Staats-besuch in Washington. Er ist unter anderem gekommen, um Präsident Reagan Unterstützung im Kampf gegen den Rauschgifthandel zuzusichern. Er empfin-det den Protest der amerikanischen Regierung als diplomatischen Affront. Der mexikanische Außenminister weist alle Anschuldigungen empört zurück. Der mexikanische Botschafter in Washington übermittelt eine Protestnote gegen die diffamierenden Äußerungen amerikanischer Amtsträger und gegen die „Einmi-schung in die inneren Angelegenheiten“.

Sprecherin: Es wurde bewiesen, daß der Gouverneur eines mexikanischen Bundesstaates Cannabis und Mohn in großem Stil anbaute und seine Felder von Soldaten bewachen ließ. Ermittler verweigerten bei einer Anhörung die Antwort auf die Frage, ob Verwandte des mexikanischen Präsidenten am Rauschgifthandel beteiligt seinen. Jeder weiß, was das heißt. In Mexiko folgten neue Proteste mit Demonstrationen gegen die USA und für die „Verteidigung der nationalen Sou-veränität“. Gleichzeitig forderte man finanzielle Unterstützung von Washington.

Sprecher: 1971 kam General Hugo Banzer in Bolivien durch einen Putsch an die Macht und ließ den Tropenwald in der Region Chaparé im Rahmen eines sogenann-ten „Coca-Entwicklungsprogramms“ erschließen. Zuckerindustrie und Vieh-züchter bekamen in der Nachbarprovinz Santa Cruz Entwicklungskredite und finanzierten als Gegenleistung die Umwandlung von Chaparé in das bisher größte geschlossene Coca-Anbaugebiet. Als eine Untersuchung des Parla-ments drohte, sahen die Zucker-, Vieh- und Kokainherren ihr Monopol bedroht und putschten 1980 General García Meza an die Macht. Dessen Innenminister erklärte den Coca-Handel bis Ende 1982 zum Staatsmonopol.

Atmo: (Archiv: Hubschrauberflotte, blenden)
Sprecherin: Im Dezember 1989 landeten 24 000 GI´s auf Befehl von US-Präsident George Bush in Panama. Auftrag: Festnahme des Diktators Manuel Antonio Noriega, Sicherung von Beweisen für seinen Drogenhandel und Ausschaltung seiner Sicherheitskräfte. Rund 500 Tote und Kriegsschäden in Höhe von 1,6 Milliar-den Mark kostete diese völkerrechtlich umstrittenen Invasion. Lange stand der General als „informeller Mitarbeiter“ auf der Gehaltsliste der CIA. Im Lauf der Zeit bekam er elf Millionen Dollar für Informationen über das Medellin-Kartell, machte aber schließlich sein Land zur Drehscheibe des Drogenschmuggels. 1992 wurde Noriega in Florida wegen Kokainschmuggels und Beteiligung an organisierten Verbrechen zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt.

Sprecher: Der Krieg des Medellín-Kartells gegen die kolumbianische Regierung von 1989 bis 1993 war ebenfalls einmalig auf seine Art. In der Industriestadt Me-dellín hatten sich die Händlerfamilien Ochoa, Escobar, Gavira und Gacha zusammengeschlossen und machten die Kokain-Produktion zu einer echten Industrie: Ende 1989 hatten sie, so die US-Drogenbehörde DEA, mit weltweite Geschäften bereits zwischen 75 und 110 Milliarden Dollar verdient. Die Clans beschäftigten rund 100 000 Menschen, davon 15 000 Bewaffnete.

Sprecherin: Wer diese Kreise störte, wurde umgebracht: Von 1981 bis 1989 allein über 220 Richter und Justizangestellte. 1984 war der Innenminister erschossen worden, 1989 der liberale Präsidentschaftskandidat. Da setzte Präsident Virgilio Barca das 1979 mit den USA abgeschlossene Auslieferungsabkommen in Kraft. In seinem Buch „Mehrzweckwaffe Rauschgift“ schreibt Berndt Georg Thamm:

Zitator: Auf landesweite Razzien mit über 10 000 Festnahmen und die Ausweisungs-bedrohung erklärten die Kokainbarone dem Staat am 24. August 1989 den Krieg. Bis Dezember hatten über 260 Bombenattentate der Kartelle fast 200 Menschen getötet und einen Sachschaden von 1,2 Milliarden Dollar verur-sacht. Der Staat nahm fast 500 Kartellangehörige fest und lieferte sie an die USA aus... Ein knappes Jahr später stellte sich die Nummer 1 des Kartells, Pablo Escobar, freiwillig. Unter anderem waren die drei wichtigsten Geld-wäscher festgenommen und zwei führende Köpfe der Killerkommandos er-schossen worden. Auch der Clanchef der Ochoas stellte sich Im Dezember 1990 der Polizei... Der erste Drogenkrieg von Medellín hatte über 500 Men-schen das Leben gekostet. Pablo Escobar wurde in
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