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CNN im Krieg mit unbequemen Wahrheiten

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Werner Schmitz ist Redakteur bei einer Nachrichtenagentur

Durch Verdrehungen, falsche Akzentsetzungen und Weglassen von Informationen schafft sich CNN seine eigene Version des Irak-Kriegs.

Im Krieg wie im Journalismus werden Fehler gemacht. Das ist bedauerlich, aber kaum zu vermeiden. Entscheidend ist jedoch, wie mit den Fehlern umgegangen wird. Hier ist ein abschreckendes Beispiel wie CNN mit unangenehmen Wahrheiten im Irak-Krieg verfährt: Gestern wurden mehrere Frauen und Kinder bei einem Checkpoint von US-Soldaten getötet, weil ihr Auto angeblich nicht angehalten hat. Die US-Armee erklärte, dass zuvor Warnschüsse in die Luft und in den Kühler abgegeben wurden.

Allerdings befand sich ein in die Truppe eingebundener Reporter der "Washington Post" an diesem Checkpoint und seine Darstellung weicht in wesentlichen Punkten von der offiziellen Erklärung ab. CNN erwähnt zwar den Reporter und seine Darstellung auf ihrer Internet-Seite, doch der Leser wird trotzdem auf die falsche Spur geführt:

"In a story on the paper's Web site, The Washington Post reporter wrote that the unit's captain ordered the first warning shot. As the four-wheel drive Toyota continued down the road, the captain ordered one round fired into its radiator. After that failed to stop the vehicle, according to the Post reporter, the captain yelled "Stop him, Red 1, stop him!" That was followed by about a half-dozen shots from the 25 mm cannon on the platoon's Bradley armored vehicle, the reporter wrote."

Verdrehungen, falsche Akzentsetzungen, Weglassen

All diese Sätze sind vollkommen richtig - eigentlich. Nur: Die alles entscheidende Information, die die ganze Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt, die fehlt. Laut dem Reporter wurden die beiden Befehle zu den Warnschüssen in die Luft und in den Kühler von den Soldaten NICHT befolgt - entweder weil sie sie nicht gehört haben oder weil sie mit etwas anderen beschäftigt waren. Es hat also keine Warnschüsse und somit auch keine Aufforderung für die Fahrerin gegeben, das Auto anzuhalten. Die erste Aufforderung waren circa sechs Explosivgeschosse, die in der Fahrgastkabine einschlugen.

Das ist eine entscheidende Information, die den CNN-Lesern unterschlagen wird. Und niemand kann ernsthaft sagen, dass es ein "Versehen" oder eine "Schlamperei" war. Dazu ist es zu kunstvoll gemacht: Zumindest kann dem Sender nicht der billige Vorwurf "CNN lügt" gemacht werden. CNN - das gilt auch für das internationale TV-Programm - arbeitet viel subtiler, mit Verdrehungen, mit falschen Akzentsetzungen, mit Weglassen. Im Ergebnis kommt jedoch eine falsche Information beim Publikum an - gibt es dafür ein anderes Wort als Progaganda?

Die US-Soldaten haben einfach einen Fehler gemacht; CNN versucht das zu vertuschen. Und im Fernsehen wird die verzerrte CNN-Berichterstattung über den Checkpoint-Vorfall fortgesetzt. Der Sender machte sich sogar die Mühe, eine aufwendige Computer-Animation zu erstellen - und hat wahrscheinlich noch mehr Mühe aufgewandt, um es wieder falsch hinzukriegen.

Genaue Indentifizierung wird "vergessen"

Zuerst wird ausführlich die offizielle Version von den Warnschüssen erzählt, dann wird die Animation an den Anfang zurückgefahren, um die Version des "Washington-Post"-Reporters zu bringen. Leider wurde von CNN diese genauere Identifizierung "vergessen", in der Animation ist lediglich die Rede von einem "Zeugen". So wird insinuiert, dass es sich um einen irakischen Zeugen handeln muss, wobei CNN wohl annimmt, dass irakische Zeugen per se als unglaubwürdig zu gelten haben.

Noch ein Detail ist bemerkenswert: In der Animation wird das Auto erst beschossen, als es bis auf etwa zwei bis drei Meter an den Checkpoint herangekommen ist. Aus der Erzählung des "Washington-Post"-Reporters geht jedoch hervor, dass der Offizier auch nach dem Beschuss das Auto immer noch mit einem Fernglas beobachtete. Das dürfte er kaum getan haben, wenn das Auto nur noch wenige Meter entfernt war.

Man kann CNN nicht vorwerfen, grundsätzlich Propaganda zu betreiben, keineswegs. In vielen Fällen gibt es dazu auch wenig Grund, etwa bei innenpolitischen US-Themen wie Parteipolitik, Minderheiten, Gesundheitspolitik etc. Es gibt aber zwei neuralgische Punkte, bei denen diese feingesteuerte Manipulation des Publikums immer wieder auftaucht: Das ist Israel und die arabische Welt.

CNN-Reporter prostieren gegen Eingriffe der Zentrale

Nach dem 11. September hatte diese feingesteuerte Manipulation erstaunlicherweise etwas nachgelassen, vermutlich weil die US-Öffentlichkeit wirklich begierig war, mehr über die Araber, den Islam und die ganzen Nahost-Konflikte zu erfahren. Plötzlich kamen eloquente Vertreter der Palästinenser oder Araber zu Wort, die es verstanden, ihre Position überzeugend zu vertreten. Früher hatte CNN nur eindimensionale Ideologen und abschreckende Radikalinskis eingeladen, mit denen ihre israelischen Diskussionsgegner leichtes Spiel hatten. Aber mit der Zuspitzung des Irak-Konfliktes ist es jetzt mit dieser Offenheit natürlich wieder vorbei.

Und es sollte einen schon bedenklich stimmen, wenn sogar die eigenen Reporter gegen die Verdrehungen ihrer Berichte aus Israel protestieren: So geschah es nämlich, als CNN-Reporter darüber berichten wollten, dass Krankenwagen des palästinensischen Roten Halbmondes von israelischen Soldaten beschossen wurden. Der Bericht wurde in der CNN-Zentrale zweimal kunstvoll überarbeitet. Heraus kam, dass die Krankenwagen in ein "Kreuzfeuer" geraten waren, wobei - laut den CNN-Reportern wahrheitswidrig - suggiert wurde, dass auch Palästinenser auf die Wagen gefeuert hätten. Verdrehungen, falsche Akzentsetzungen, Weglassen.

Nachbemerkung: Eine E-Mail, die die CNN-Redaktion darauf hinwies, dass der Bericht des "Washington-Post"-Reporters fehlerhaft wiedergegeben wurde, blieb ohne Antwort und ohne Wirkung; CNN veränderte den Text nicht.

Werner Schmitz
Redakteur bei einer Nachrichtenagentur


CNN im Krieg mit unbequemen Wahrheiten
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